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Unüberwindbare Liebe

Aktualisiert: 23. März

RP-Denkanstoß vom 11. März 2022


Die Meisten von uns nutzen und schätzen ihn, an Fenstern und Türen ist er angebracht, denn er vermag Hitze und Kälte abzuwehren, vor allem aber die neugierigen Blicke vorübereilender Zeitgenossen: der Vorhang. Durch ihn ist unsere Privatsphäre geschützt, denn will man Einblick erhalten, muss er sich erst öffnen. Das bestätigt sich am Theater; man kann nur auf und hinter die Kulissen blicken, wenn vorher der Vorhang hochgegangen ist. Durch ihn ist die Illusion der Bühne überhaupt möglich geworden; er schafft die nötige Verborgenheit, in der die Kulissen verschoben werden und Schauspieler in neue Masken schlüpfen können. Hierhin gehört auch der Eiserne Vorhang, der dem Brandschutz dient, aber Mitte des vorigen Jahrhunderts in der Politik zum Inbegriff für undurchlässige Grenzen in der Welt wurde.


Seit Aschermittwoch hängt im Chorraum von St. Marien, Rheydt, ein zwölf Meter langes Tuch, das von Br. Stephan Oppermann OSB aus der Abtei Maria Laach bemalt wurde. Sicherlich ein beeindruckendes Kunstwerk, denn die kraftvolle Farbgestaltung in violett und schwarz, welches wiederum in einem tiefen Purpurrot gründet, schenkt dem Betrachter einen weiten Assoziationshorizont. Doch mehr noch als die künstlerische Gestaltung des Stoffes steht seine Funktion im Vordergrund, denn das Tuch wird durch den Ort seiner Hängung zu einem Vorhang, der den Blick auf den Tabernakel und damit zum Allerheiligsten verwehrt. Auf diese Weise verweist er auf den Inneren Vorhang vom Jerusalemer Tempel, der ebenfalls den Tempelraum vom Allerheiligsten trennte. Hier durfte er nur einmal im Jahr von einer einzigen Person durchschritten werden, vom Hohenpriester am Versöhnungsfest Jom Kippur. Das kennzeichnete vor allem anderen Würde und Pflicht dieses Amtes, dass allein er im Angesicht der Bundeslade, in der die Tafeln des Dekaloges und damit die Garanten des Bundesschlusses zwischen Gott und seinem Volk aufbewahrt wurden, seine Gebete verrichten und seine Riten vollziehen durfte.

Es gehört wohl zu den größten Menschheitsträumen gleich einem Hohenpriester durch den einen Vorhang schreiten zu können, der den Blick auf das Morgen versperrt. Es werden Karten gelegt und Kugeln befragt, es wird in die Sterne geschaut und mitunter auf Computerprogramme gesetzt, doch die Zukunft bleibt verhangen; nicht umsonst hat hier das Wort „Verhängnis“ seinen Wurzelgrund. Was morgen wird, weiß niemand.

Wir leben in dramatischen, traumatischen Zeiten. Man kann sich kaum des Eindruckes erwehren, dass eine Hiobsnachricht der nächsten folgt. Pandemie und Klimawandel, Raubbau der Ressourcen, Umweltzerstörung und unvorstellbare Flüchtlingsnot und obendrein ein grausamer Krieg in Europa. Man mag das Schreckliche kaum mehr aufzählen, weil die Seelen es nicht mehr zu fassen vermag. Wieviel Elend, wieviel Leid, wieviel Tod warten hinter dem Vorhang der Zukunft auf uns? Was morgen wird, weiß niemand.


Wir stehen aber auch in der Fastenzeit. Sie will der Christenheit helfen, sich wieder auf die Feier der Kernbotschaft ihres Glaubens vorzubereiten, dass mit seinem Leiden, Sterben, Auferstehen Jesus Christus die Menschen erlöst und mit Gott versöhnt hat. „Der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei.“ (Lk 23,45b), das berichten uns die Evangelisten vom Augenblick seines Todes. Und damit rufen sie uns zu, dass die Begegnung mit Gott nun allen Menschen offensteht, dass von Stund an jedes Menschenkind unter dem liebenden Blick Gottes und seiner bergenden Nähe lebt. Dieses Wissen ist für mich wichtiger als jeder Blick in die Zukunft. Denn damit ist mir die sichere Hoffnung geschenkt, was immer auch hinter dem Vorhang der Zukunft auf uns wartet, das letzte Wort spricht die Liebe, die selbst von den Pforten der Hölle nicht überwunden werden kann.


Klaus Hurtz, Pfarrer von St. Marien und vom Trostraum St. Josef, Grabeskirche


Vorhang in St. Marien Rheydt von Br. Stephan Oppermann OSB