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Denkanstoß | So wahr mir Gott helfe

Die Karikaturen der RP mag ich sehr, denn sie bringen komplexe Zusammenhänge immer auf den Punkt, der einen schmunzeln und nachdenken lässt. Mitte letzter Woche sah man auf Seite 2 unseren neuen Bundeskanzler mit erhobener Eideshand und der Sprechblase. „Ich schaffe das! Auch ohne Hilfe!“ und die Unterschrift lautete kurz und knapp: „Glaubensbekenntnis“.

Natürlich spielte Nik Ebert mit dieser Karikatur auf die Entscheidung von Bundeskanzler Scholz an, bei seinem Amtseid den fakultativen Zusatz „So wahr mir Gott helfe“ wegzulassen. Aber warum ist dies überhaupt einer Karikatur, warum einer Erwähnung wert? Denn was in die Freiwilligkeit gelegt ist, kann man doch frei und willens wählen. Und zeugt es nicht von besonderer Geradlinigkeit, wenn man als Konfessionsloser auf himmlischen Beistand verzichtet?


Natürlich ist gegen das Weglassen nichts einzuwenden, allerdings muss man dann mit der Konsequenz leben, dass man letztlich nur auf sich selber baut. Genau dies macht die Karikatur doch deutlich, der Mensch ohne Gott ist immer zurückgeworfen auf sich selbst. Denn wo es keine transzendente Größe gibt, bleibt nur das Ich des Menschen, welches alles zu schaffen, alles zu verantworten hat, und dem sich das Du einzig anvertrauen kann. Wollen wir das? Können und dürfen wir das, ohne das menschliche Ich heillos zu überfordern? Oder schwingt eine Hybris mit, die einer Vergöttlichung des Menschen gleichkäme?

Und es gilt ein Zweites zu bedenken. Es bleibt ein großer Irrtum, es gäbe in Hinblick auf die existentiellen Fragen des Lebens und des Seins den Gegensatz: hier Glauben, dort Wissen! Vor den Grundfragen seiner Existenz ist jeder Mensch immer ein Glaubender! Denn so wenig man „beweisen“ kann, dass Gott existiert, so wenig kann man Gottes-Nicht-Existenz „beweisen“. Daher wohnt im Glauben immer auch der Zweifel, denn in beide Richtungen nagt das Wort: „Vielleicht ist das andere wahr.“ Aber gerade der Zweifel ist der Ausweis menschlicher Freiheit, denn wir können uns entscheiden, auf welcher Seite wir stehen wollen. So können wir nur als Glaubende durch das Leben pilgern und unsere persönliche Grundentscheidung mit einer immer größer werdenden Herzens-Plausibilität absichern, die der eigenen Erfahrung und der Vernunft standhält.


Wir stehen im Advent und wollen zu Weihnachten die Geburt Gottes im Kind zu Betlehem feiern. Bei Licht betrachtet eigentlich ein unglaubliches Fest, und genau deshalb für mich ein höchst glaubhaftes! Denn eindeutiger und klarer kann Gott seine unendliche Liebe zu uns nicht zeigen, als im Nirgendwo der Welt und der Geschichte ein wehrloses Kind zu werden, einer von uns, um uns die Augen dafür zu öffnen, zu was seine Liebe fähig ist. Wäre Gott mit Macht und Herrlichkeit gekommen, wäre unser Glaube und seine ihm innewohnende Freiheit verloren, denn wir würden von Stund an „wissen“. Wäre er nicht gekommen und hätte seine Liebe zu uns durch Prophetenmund beteuert, der Zweifel würde übermächtig. Liebe kann nur werben, ihr zu glauben; Liebe kann nur bitten, ihr zu vertrauen. Dieses Liebeswerben Gottes feiern wir Weihnachten. Und dem Kind in der Krippe vermag ich nichts abzuschlagen, so wahr mir Gott helfe.


Klaus Hurtz, Pfarrer von St. Marien Rheydt und vom Trostraum St. Josef Grabeskirche


RP-Denkanstoß vom 17.Dez.2021


Bild via unspashed