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Denkanstoß: Goldener Hoffnungsschimmer

Denkanstoß in der RP vom 21. März 2024

von Klaus Hurtz


Die Blüte der Osterglocke bedeutet für unseren Autor den Beginn der wichtigsten Zeit, der Karwoche und Osterzeit: „Totgeglaubt erblüht sie neu ins Leben hinein.“


Für mich läutet sie immer die kostbarste Zeit im Jahr ein; und heuer scheint sie mir besonders zahlreich vertreten zu sein. Vereinzelt oder in geselliger Vielzahl sieht man sie an Wegrändern und Bachläufen, in unseren Gärten oder in den Parkanlagen: die Osterglocke oder botanisch etwas genauer: die gelbe Narzisse. Verlässlich und pünktlich erblüht sie Mitte/Ende März, um durch ihre Schönheit und Farbenkraft auf die besondere Festzeit hinzuweisen, mit der sie auch durch ihren Namen verbunden ist: Ostern.

Mit dem kommenden Palmsonntag beginnt die Karwoche (althochdeutsch kara „Klage“, „Kummer“, „Trauer“). Liegt es in unserer Mentalität, das Schwere, Leidvolle, Schmerzhafte dieser Tage hervorzuheben? In anderen Sprachen wird diese Zeit „Heilige Woche“ oder „Große Heilige Woche der Christenheit“ genannt, worin das Österliche vielleicht mehr aufzuleuchten vermag. Gleichwohl haben beide Bezeichnungen ihre Berechtigung, wollen beide Benennungen auf den einen Umstand hinweisen, dass diese Tage gleichsam aus der Zeit fallen, weil sie mit keinen anderen Tagen vergleichbar sind.


Denn die Karwoche lädt uns ein, den Weg von Jesus Christus nach- und mitzugehen, seinen triumphalen Einzug in Jerusalem (Palmsonntag) und sein Nachschwingen (die Stillen Tage bis Mittwoch), das Letzte Abendmahl (Gründonnerstag), Verrat und Verhaftung (Nacht zu Karfreitag), Verurteilung und Hinrichtung (Karfreitag), Grabesruhe (Karsamstag) Auferstehung von den Toten (Ostern). Die Woche wird zum Weg, die Festgeheimnisse zu Wegstationen, die Mitgehenden zur Weggemeinschaft, deswegen sind alle Gottesdienste letztlich eine einzige liturgische Feier.


Wir leben in großen Umbruchzeiten, Gegenwart und Zukunft scheinen uns vor kaum mehr zu lösenden Herausforderungen zu stellen, in Europa und in der Welt bedroht Krieg das Leben und die Freiheit. In dieser schier desaströsen Lage bin ich umso dankbarer für die kommenden Tage, denn ihre Botschaft ist doch, dass Jesus Christus freiwillig und in Liebe zu uns den Weg des Leidens und Sterbens annimmt und geht, damit wir Menschen in existenzieller Weise von der Knechtschaft des Bösen erlöst und mit dem Leben über den Tod hinaus beschenkt werden. Das Fontane-Wort bleibt wahr: „Am Ende zählt doch nur, was wir getan und gelebt und nicht, was wir uns erträumt haben.“ Und im Handeln und Leben von Jesus Christus zeigt sich unser Gott als Gott der Freiheit, der Liebe und des Lebens. Nur dieser Dreiklang ist mein einziger Hoffnungsanker in unserer aufgewühlten, stürmischen Zeit.


Ungefähr sechs Wochen nach ihrer Blüte verwelken die Blätter der Osterglocke, und sie verschwindet von der Oberfläche. Sie scheint tot zu sein, bis sie im Folgejahr wieder austreibt. Das machte sie für unsere Vorfahren zum Symbol des Ewigen Lebens: Totgeglaubt erblüht sie neu ins Leben hinein; was für ein prächtiges goldenes Hoffnungszeichen!


Klaus Hurtz ist Pfarrer in St. Marien Rheydt und im Trostraum St. Josef, Grabeskirche.

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