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DENKANSTOß - Das Turiner Grabtuch

Denkanstoß vom 11.08.2023


In Gerresheim habe ich die Wanderausstellung vor Jahren zum ersten Mal gesehen, und ich muss gestehen, dass sie mich sehr beeindruckt hat. Nun kann man die Exponate in unserer Stadt in St. Anna bis zum 17. Sept. in Augenschein nehmen: die Ausstellung zum Turiner Grabtuch. Auch wenn die Reliquie natürlich nicht im Original, sondern „nur“ als Kopie vorhanden ist, weiß das originalgetreu- nachgebildete Leinen das Geheimnisvolle zu wahren und das Numinose auszustrahlen. Hinzu kommen die Erkenntnisse, die in jahrzehntelanger Forschung durch dieses Grabtuch gewonnen werden konnten. Was die Wissenschaft alles vermag! So zeigt sie uns, dass die auf dem Tuch dargestellte Person wohl eher eine Dornenhaube als einen Dornenkranz getragen hat; belegt sie, dass keine Verwesungsspuren vorhanden sind, um neben weiteren Einsichten zuletzt aus dem vorhandenen Abbild einen dreidimensionalen Leichnam rekonstruieren zu können. Eine spannende und lohnende Ausstellung.


Gleichwohl kann auch eine solche Anhäufung an Erkenntnissen gottlob den Glauben nicht beweisen, zumindest nicht im naturwissenschaftlichen Sinn. Wäre eine solche Beweisführung möglich, würden wir die Freiheit im Glauben verlieren, denn was man weiß, das kann man nicht mehr glauben. Und Gott will nicht bewiesen, sondern geliebt werden. Er will unser freies Ja, das aus unserem Vertrauen zu ihm erwachsen ist. Denn es ist Kennzeichen der Liebe, dass man auch sie nie beweisen kann, sie kann nur im Vertrauen erkannt werden. Daher ist die Forderung eines Liebesbeweises letztlich bereits der Erweis mangelnden Vertrauens und damit der Beginn des Sterbeprozesses der Liebe selbst.


Man muss daher keine Sorge haben, dass man bei einem Besuch der Ausstellung arglos als Atheist hineingeht und als gläubiger Christ herauskommt. Allerdings kann es geschehen, dass einem das Zitat aus Hamlet einfällt: „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen lässt.“ Die Wirklichkeit ist immer abgründiger, als sie scheint. Mit unseren Sinnen und unserem Verstand nehmen wir die Welt wahr und können sie gestalten; doch das Gesamtganze erfassen wir nicht. Daher leben wir nicht in der Gefahr, das Staunen zu verlernen. In dieser Woche hat für die Kinder und Jugendlichen die Schule wieder begonnen. Hoffen wir, dass auch die Schulweisheit seit Shakespeares-Zeiten klüger geworden ist.


Klaus Hurtz




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